Selbst-bestimmtes Leben
Ideologisch gemeinsames Ziel unseres Handelns ist der Versuch, unserem Ideal von einem selbst- bestimmten Leben, abseits kapitalistischer Zwänge und Verwertungsinteressen, weitestgehend nahe zu kommen und Utopien für uns und andere im Hier und Jetzt erlebbar und im Modellversuch realisierbar zu machen. Ein hoher Anspruch, der sich immer wieder an unseren Widersprüchlichkeiten und Unfähigkeiten abarbeitet, aber uns trotzdem gemeinsam weiter vorantreibt.
Ehrenamt vs. Lohnarbeit
Unzählige Stunden ehrenamtlichen Engagements wurden zum Aufbau des Kulturkosmos und zur Organisation der Festivals geleistet. Viele Sympathisant_innen und Unterstützer_innen haben in all den Jahren am Aufbau des Kulturkosmos mitgewirkt. Ein Großteil der örtlichen Jugend ist durch Mitarbeit und durch das Festival selbst, in Ihrer Sozialisation geprägt worden. Jährlich wird Ende Juni, zur Vorbereitung des Festivals, von Hunderten von Helfer_innen eine unglaubliche Dynamik in Gang gesetzt, in deren Verlauf Wahnsinniges geleistet und Großartiges geschaffen wird. Die Erfolgsgeschichte des Kulturkosmos ist somit ein Verdienst all derer, die in den ganzen Jahren mit angepackt und aktiv zur Entwicklung beigetragen haben. Das Fusion-Festival wird inzwischen von einem Netzwerk von über 100 selbständig handelnden Gruppen getragen, die in verschiedensten Bereichen mitwirken und über eine finanzielle Gratifikation der geleisteten Arbeit, kollektiv ihre eigenen kulturellen oder politischen Projekte unterstützen. Hier entstehen nicht nur finanzielle Synergieeffekte, hier entstehen auch überregionale Strukturen und Netzwerke, die dann z.B. bei der Realisierung des at.tension-Festivals, bei Jugendarbeit und den Aktivitäten der assoziierten Gruppen zum Tragen kommen.
Weil das Projekt in den vergangenen Jahren so unglaublich gewachsen ist, und sich auch die Lebensrealitäten vieler Kulturkosmonaut_innen verändert haben, wäre ein Betrieb auf rein ehrenamtlicher Basis, heute nicht mehr denkbar. Die Grundphilosophie, dass jedeR nur das macht was sie/er leisten kann und alles weitere entweder liegen bleibt oder von anderen erledigt werden muss, hat immer noch Gültigkeit für alle Ehrenamtlichen im Verein. Aber die Realität sieht so aus, dass es endlos Vieles gibt, was nicht mehr durch ehrenamtliches Engagement geleistet werden kann, aber auch nicht liegen bleiben darf. Darum beschäftigt der Verein inzwischen 15 feste Mitarbeiter_innen die fast ausschließlich aus der Region kommen und all die Aufgaben übernehmen, die durch die Vereinsmitglieder und ehrenamtliche Unterstützer_innen nicht mehr erbracht werden können. Dies sind vor allem der Ausbau, die Pflege und der Erhalt des großen Vereinsgeländes, Gartenbau sowie Baumaßnahmen an einem im Bau befindlichen Gäste- und Seminarhauses, sowie die Buchhaltung und umfangreiche organisatorische Aufgaben bei der Festivalplanung.
Diese Lohnarbeitsverhältnisse sind wohl einer unserer projektimmanenten Widersprüche, aber gleichzeitig auch ein Teil des Erfolgs und unserer Anerkennung in der Region.
Zeitspenden, Fördergelder und dialektische Widersprüche
Generell wird der Verein so gut wie gar nicht durch öffentliche Gelder oder Förderungen jedweder Art finanziert und das macht uns unabhängig und ist etwas, worauf wir auch etwas stolz sind. Lediglich für Veranstaltungen im Bereich Theater/Performance wurde der Kulturkosmos in den vergangenen Jahren in meist bescheidenem Maße durch Bund, Land, Kreis und Gemeinden gefördert.
2006 hat der Verein erstmalig eine Förderung durch den Fond Neuer Länder der Bundeskulturstiftung erhalten. Diese 50 000,- € wurden zum Aufbau eines neuen eigenständigen Theaterfestivals genutzt. Das at.tension-Festival war geboren und hat sich in den ersten 3 Ausgaben zu einem internationalen Theaterfestival im ländlichen Raum entwickelt, das in kurzer Zeit Anerkennung und viele begeisterte Anhänger_innen gefunden hat. Das at.tension-Festival hat Dank der Aufbauhilfe der Fördergelder von Bund, Land und Kommune den Start geschafft. Das Festival war aber am Ende nur realisierbar, weil die gesamte Crew und alle Beteiligten Helfer_innen, zum Teil über Wochen ihre Zeit unentgeltlich dem Projekt gespendet haben und alle Ensembles für geringe Gage gespielt haben.
Um die Zukunft dieses Festivals zu sichern und weil wir glauben, dass erst durch die gemeinsame Zeitspende ein egalitäres Kollektiv gefördert wird, haben wir bereits 2008 beschlossen, dieses Prinzip der unentgeltlichen Arbeit zur Grundlage der Mitarbeit und zum Anspruch an alle beteiligten Helfer_innen und Mitarbeiter_innen zu machen. Dieser Anspruch an ein zukünftiges at.tension-Festival umfasst somit nicht nur ein internationales, spannendes und vielfältiges Festival an einem ungewöhnlichen Ort, mit einem außergewöhnlichen Publikum. - Es geht auch um den gruppendynamischen Prozess, der sich entwickelt, wenn alle Beteiligten auf gleicher Ebene an einem Strang ziehen. Gerade darin entsteht die Bewegung, die Großartiges vollbringen kann. Ein kollektiver Prozess, wie er in etablierten, hierarchisch strukturierten und fördergeldabhängigen Kulturprojekten niemals entstehen wird.
An der Frage wie es weiter geht, haben wir auch immer wieder die Probleme und Widersprüche einer Förderung durch öffentliche Gelder erörtert. Für den Verein stellte sich grundsätzlich die Frage, ob so ein Subventionskind wie das at.tension-Festival weiterhin abhängig vom Gutdünken und der finanziellen Förderung der öffentlichen Hand am Leben gehalten wird, oder ob wir die Verantwortung selbst übernehmen können und Wege suchen dieses Festival vollständig aus eigenen Mitteln zu finanzieren.
Dies gerade vor der Tatsache, dass Fördergelder so beantragt und abgerechnet werden müssen, wie es in den Förderichtlinien des Gebers vorgegeben ist. Diese sind zum Teil über alle Maßen bürokratisch und wirklichkeitsfremd, so dass der vermeintliche Segen sich am Ende schnell auch als Fluch erweisen kann. Man hat ein Budget und Vorgaben, was dazu zählen darf was nicht. Am Ende mauschelt man es mühevoll so hin, dass es stimmt. Mit den realen Begebenheiten hat dies oft wenig zu tun.
Um einmal die Relationen, um die es in unserem Fall geht, deutlich zu machen folgende Zahlen: At.tention#3 hatte ein Gesamtbudget von rund 171 000,- € Davon musste der Kulturkosmos Eigenmittel rund 72 000,- € aufbringen Einnahmen aus Eintritt und Gastro waren rund 68 000,- € Die Förderung von Bund, Land und Kommune insgesamt 28 000,- € Spenden und sonstiges 3 000,- €
Das sind die offiziellen Zahlen des Kosten- und Finanzierungsplanes. Alles, was darüber hinaus von Nöten war und Geld gekostet hat, wurde vom Verein zusätzlich gestellt bzw. bezahlt. Die Verköstigung von ca. 300 ehrenamtlichen Helfer- und Mitarbeiter_innen zum Teil über Wochen, z.B. darf nicht im Kostenplan auftauchen, kann nicht im Finanzierungsplan gedeckt werden und wurde folglich vom Kulturkosmos separat bezahlt.
Soviel zum Thema politische Anerkennung von ehrenamtlicher Tätigkeit und den Einschränkungen, die öffentliche Fördermittel mit sich bringen. Das von Politikern gerne als „Motor der Gesellschaft“ zitierte Ehrenamt, soll doch bitte als Perpetuum mobile funktionieren und ehrenamtlich Schuftende, bitteschön ihre Stulle zum Essen und ihre Selters zum Trinken selbst mitbringen und damit nicht auch noch dem Staat auf der Tasche liegen. Selbstversorgung mag in einem klassischen gutbürgerlichen Milieu funktionieren, wo bürgerschaftliches Engagement oftmals aus dem schlechten Gewissen resultiert, dass der eigene materielle Wohlstand übergroß und oftmals nicht mal selbstverdient ist, weshalb gerne etwas zurückgegeben wird an die Gesellschaft. In kleinen kulturellen Projekten und Initiativen insbesondere auf der subkulturellen Ebene, sind es aber meist Menschen aus prekären Lebensverhältnissen, die sich engagieren und aufreiben und ihre Zeit spenden. Von diesen Akteuren auch noch Selbstversorgung zu verlangen ist nicht nur zynisch, es zeigt wie entfernt Förderpraxis und reale Bedingungen in Kulturprojekten liegen können. Hier ist dringend politisches Handeln gefragt und wir erhoffen ein Umdenken und politische Initiative der Bundeskulturstiftung.
Um im vergangenen Jahr die 28 000,- € Fördermittel zu bekommen, mussten wir verschiedenen Anträge stellen. Dabei immer in der Ungewissheit planen, dass uns die Finanzierung weg bricht und wir bei Absage eines Antrages vor der Wahl stehen, alles abzusagen oder alles umzudisponieren und zumindest einen Teil abzusagen zu müssen. Am Ende, nachdem unser Antrag bei der Bundeskulturstiftung abgewiesen wurde, mussten wir wirklich einiges absagen und den Eigenanteil erheblich erhöhen damit das Festival überhaupt stattfinden konnte. Insgesamt mussten wir für die Akquirierung und für die Abrechnung von Fördermitteln, in den vergangenen Jahren sehr viel Zeit, Energie und Nerven aufbringen, die wir gerne auch in kreativere Arbeit investiert hätten.
Die Abrechnung der 50 000,- € Förderung der Bundeskulturstiftung war dabei eine neue Erfahrung und im Nachhinein gesehen eine unglaubliche Zumutung. Es war ein „Erbsenzähl- Contest“ auf höchstem buchhalterischem Niveau mit Leuten, die vermutlich von Veranstaltungen überhaupt keine Ahnung haben und nur Zahlen kennen, wo am Ende jeder Cent umgedreht wurde.
Ein Procedere, das so nervenaufreibend ist, dass es sich eigentlich nur rechnet, wenn die Fördesumme so hoch ist, dass damit gleich ein erfahrener Profibuchhalter bezahlt werden kann. Kulturprojekte, die solche Strukturen nicht vorhalten können, laufen Gefahr, bei der Abrechnung zu scheitern und müssen dann, mit Rückzahlungsforderungen seitens der Bundeskulturstiftung rechnen. Eine bestimmt nicht ungewollte Hürde, um Subkultur, freie und kleine Projekte von den großen Töpfen fern zu halten.
Wir stellten uns ernsthaft die Frage, zu welchen Kompromissen wir in der Zukunft bereit sein wollen. Auch angesichts der Tatsache, dass öffentliche Gelder immer an politische Interessen geknüpft sind. Das fängt bei der Ausrichtung der Förderrichtlinien an und endet bei der Entscheidung von oftmals parteipolitisch besetzten Gremien über Gunst oder Missgunst der Antragsteller_innen.
Wir wollen uns nicht durch Förderrichtlinien vorschreiben lassen, aus welchen Ländern oder zu welchen Themen wir unser Programm gestalten, oder welche Kooperationen wir forcieren und ausbauen, nur weil dies gerade europapolitisch opportun ist, oder bundespolitischen Förderschwerpunkten entspricht.
Zweifellos sind wir in einer, im Vergleich mit den meisten Kulturprojekten, privilegierten Situation, denn wir gehören zu den Ausnahmeprojekten in dieser Republik, die nicht in Abhängigkeit an Fördertöpfen hängen und die völlig unabhängig schalten und walten können. Diese Position wollen wir uns auch erhalten und nach Möglichkeit weiter ausbauen. Darum haben wir beschlossen, das at.tension-Festival in Zukunft weitestgehend selbst zu finanzieren und auf Fremdmittel zu verzichten.
Das Renommee des Vereins Kulturkosmos sehen wir sowohl regional als auch überregional als soweit gestanden, dass wir auf Förderung als politische Anerkennung verzichten können, vor allem wenn diese mitunter nur im Promillebereich des Gesametas liegt. (Gemeinde Lärz gab 2007 sage und schreibe 100,-€ für ihr at.tension-Festival)
Allerdings haben auch wir keinen Gelddruckmaschine und auch unsere Einnahmen durch das Fusions-Festival sind limitiert, insbesondere seit wir 2010 erstmals die Tickets begrenzt haben und es somit erstmals kein weiteres Besucherwachstum gab und auch in Zukunft nicht mehr geben soll. Dadurch konnten die Festivaleinnahmen 2010 nur knapp die Gesamtausgaben und des Vereins decken. Um alle wichtigen Projekte des Kulturkosmos, trotz unvermeidlichen Kostensteigerungen, auch in Zukunft finanzieren zu können, müssen wir auf der einen Seite sorgfältiger mit den, uns zur Verfügung stehenden Mitteln umgehen und zukünftig auch Abstriche in unseren Planungen und Vorhaben machen. Gleichzeitig sind wir aber nicht umhin gekommen, den Eintrittspreis des Fusion-Festivals 2011 zu erhöhen. Nur so können wir u. A. auch die at.tension-festivals 2011, 2013 und darüber hinaus sichern.
Wir gehen davon aus, dass dieses kleine Theaterfestival in den kommenden Jahren weiter wachsen wird und durch die steigende Zahl an Besucher_innen, die zukünftigen Kostensteigerungen, bei gleich bleibender Subvention durch den Kulturkosmos, ausgeglichen werden können. (Das Festival hatte 2009 ca. 2500 Besucher_innen, wovon die Mehrzahl weit über 5 verschiedene Produktionen und Vorstellungen besucht haben.)
Bei aller Kritik die wir hier im Kontext Kulturförderung geäußert haben, möchten wir dem Fond Neuer Länder, dem Kultusministerium MV, dem Landkreis Müritz sowie den Gemeinden für ihre Unterstützung danken. Wenn wir in den vergangenen Jahren nicht gefördert worden wären, hätten wir die Herausforderung eines eigenständigen Theaterfestivals zur der damaligen Zeit nicht aufgenommen und die vielschichtigen Potentiale dieses Projektes womöglich langfristig verkannt. Auch in Zukunft wird es im Kulturkosmos neue und spannende Projekte geben, die finanzielle Förderung von außen benötigen. Hier sind alle potenziellen Geldgeber_innen aufgefordert, diese Initiativen und Projekte bestmöglich zu unterstützen.